Szene aus dem Tannhäuser von den Bayreuther Festspielen. Foto: Enrico Nawrath, Bayreuther Festspiele

Ein paar Takte zur Tannhäuser-Regie

Szene aus dem Tannhäuser von den Bayreuther Festspielen. Foto: Enrico Nawrath, Bayreuther Festspiele

„Der ‚Tannhäuser‘ ist eine Inszenierung, die nicht so wirklich gemocht wird vom Publikum, konstatiert Dr. Sven Friedrich über die Arbeit von Sebastian Baumgarten, einem Regisseur Brecht’scher Tradition: „Nichtverkörperungstheater, Nichtidentifikationstheater“.

Bei „Tannhäuser“ gibt es kein Bühnenbild, sondern eine Bühneninstallation von Joep van Lieshout.  Friedrich: „Es wurde aus einem anderen künstlerischen Diskurs importiert. Eine Kritikerin schrieb einmal, die Installation sei so beliebig, man könne alles darin spielen: Meistersinger, Parsifal, Cosi fan tutte oder Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt – und das stimmt. Dieses Bühnenbild will nicht eine Schauplatzvergegenwärtigung sein, sondern das, was es ist, eine Kunstinstallation.“

Die Idee besteht laut Friedrich aus dem Posthumanismus. Sein Rat: eine Metaebene einziehen, das Geschehen also von oben zu betrachten, „nicht Baumgarten inszeniert Wagners ‚Tannhäuser‘ und man ärgert sich darüber. Sondern: Baumgarten führt uns eine posthumane Zukunftsgesellschaft vor, die möglicherweise vielleicht gar nicht so irreal ist, so gruselig das auch sein mag.“ Diese Gesellschaft bewege sich in einem absolut hermetischen System, in das nichts hineingeht und nichts herauskommt. Auf der Bühne wird das mit fleißigem Tun der Mitwirkenden verdeutlicht: Sie putzen Gemüse, kochen es, essen es, die Ausscheidungen werden zu Alkohol verarbeitet, an dem sie sich wieder laben können.

„Es ist ein in sich geschlossenes und aus sich selbst existierendes Modell posthumaner – also nicht mehr durch Ethik und Moral, sondern durch den Alkoholator, durch den Technokraten – gesteuertes System. Da gibt es auch keine Herrschaft mehr; aber es gibt auch keine Anarchie. Der Mensch ist quasi Teil dieses technoorganischen Systems geworden. Vielleicht eine Vorstellung, die tatsächlich gar nicht so weit weg ist“, überlegt Wagner-Friedrich. Aus dieser Betrachtung heraus funktioniere jedenfalls die Inszenierung, seien zum Beispiel die großen Chroszenen gar „wieder unglaublich konventionell.“

Alles hänge beim Bayreuther Tannhäuser mit allem zusammen —  Formtrieb, Stofftrieb,  Gegensatz von Dionysischem und Apollinischen. „Das alles ist auch bei Wagner so im ‚Tannhäuser‘ schon angelegt. Insofern kann man auch hier nicht sagen, dass sich das Konzept weit vom Text entfernt, auch wenn die Bilder, die gefunden werden, natürlich alles andere sind als eine Illustration des Textes“, erklärt Friedrich weiter. Er hält die Inszenierung übrigens für die „ästhetisch avancierteste im Augenblick“.

Der Großteil des Publikums ist freilich anderer Meinung. Warum? „Weil es seine ästhetische Affirmation nicht bekommt“, antwortet Friedrich. Im Detail könne man immer viel kritisieren. Aber wer arbeite wie Baumgarten oder auch Castorf setze sich aus, mache sich angreifbar —  ganz bewusst.  Auch Friedrich sieht es durchaus als Problem, dass ein riesiges Konzept wie das von Carl Hegemann dem Tannhäuser „übergestülpt wird“.  Zumal der „Tannhäuser“  insgesamt ein schwieriges Werk sei, ein Schwellenwerk Wagners: „Es ist nicht mehr große Oper – aber ist auch noch nicht Musikdrama wie ‚Tristan‘.“

Friedrichs Fazit über den „Tannhäuser“ von Sebastian Baumgarten in Bayreuth ist ein ähnliches wie zum „Ring“ von Frank Castorf: Die Regie ist nicht oder schwer begreifbar und deswegen beim Publikum nicht beliebt. „Aber eine Inszenierung ist nicht deswegen schlecht, weil sie wenige sehen wollen.“


ek


Mit “Tannhäuser” werden die Bayreuther Festspiele am 25. Juli eröffnet. Die weiteren Termine: 2., 12., 18., 21. und 28 August. Kostenlose Einführungsvorträge für Vorstellungsbesucher hält Dr. Sven Friedrich, Direktor des Richard-Wagner-Museums Bayreuth, jeweils um 10.30 Uhr im Chorsaal auf dem Festspielgelände (unterhalb des Steigenberger-Restaurants).

Auf der Homepage der Bayreuther Festspiele ist eine ausführliche Abhandlung von Carl Hegemann, Dramaturg des Tannhäuser, nachzulesen: http://www.bayreuther-festspiele.de/fsdb/inszenierung/2014/2/14976/index.html

“Tannhäuser” in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten wurde 2011 erstmals gezeigt. Nach der Saison 2014 wird das Stück vorzeitig abgesetzt. Dafür wird “Lohengrin” verlängert.

Wie es ist, als Zuschauer auf der “Tannhäuser”-Bühne dabei zu sein, lesen Sie hier: https://www.festspieleblog.de/2014/06/tannhaeuser_biogasanlage/

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