Gerd Grochowski als Klingsor in Parsifal, 2016 bei den Bayreuther Festspielen. © Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Gerd Grochowski über Klingsor

Seinen Durchbruch feierte er 2005 als Kurwenal an der New Yorker Met unter Daniel Baremboim. Seither gastierte Gerd Grochowski an fast allen großen Häusern der Welt. 2016 gab schließlich der studierte Musikpädagoge, der erst spät den Sprung ins Sängerfach wagte, sein Debüt als Klingsor bei den Bayreuther Festspielen in der Premierenproduktion „Parsifal“ unter Regisseur Uwe Eric Laufenberg (Beitragsbild: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele).

In Laufenbergs Ring-Produktion  am Hessischen Staatstheater Wiesbaden sang Gerd Grochowski  Wotan und Wanderer, zuletzt am Sonntag, 15. Januar 2017, den Walküren-Wotan. Am nächsten Tag starb Gerd Grochowski völlig überraschend in einer Klinik in Mainz im Alter von 60 Jahren (Hier der Nachruf).

Wir haben uns mit Gerd Grochowski im Juli 2016 während der Proben für Parsifal bei den Bayreuther Festspielen zum Interview getroffen. Auszüge daraus sind im Festspiel.Magazin von TAFF erschienen. In der Festspielsaison 2017 sollte das ganze Interview auf festspieleblog.de veröffentlicht werden, natürlich ergänzt um aktuelle Fragen. Leider kommt es dazu nicht mehr. Darum hier das von Gerd Grochowski autorisierte Interview von 2016 in voller Länge:

Sie sind „Neu-Bayreuther“. Wie geht’s Ihnen?

Mir geht es gut. Wenn man hier beginnt zu arbeiten, merkt man sofort, dass Bayreuth ein ganz besonderer Ort ist. Man spürt, dass dieses Haus einen besonderen Genius hat, und dass dies dazu beiträgt, hier ganz besondere Leistungen erbringen zu können.

Wie liefen die Proben, nachdem Dirigent Andris Nelsons ja kurzfristig abgesprungen ist?

Mit einem neuen Dirigenten, der erst kurz vor dem Ende der Probenzeit dazustößt, ist das natürlich eine ganz besondere Herausforderung für uns alle, denn in den vorangegangenen Wochen wurde ja schon ein Großteil musikalisch und szenisch erarbeitert. Das kann mitunter schwierig werden, aber ich sehe darin auch eine Chance. Auch für Hartmut Haenchen ist das keine so ganz einfache Situation, aber er ist ein großer Kenner des Stückes und er hat sehr genaue Vorstellungen.

Wie gehen Sie mit Ihrer Rolle als Klingsor um?

Gemeinhin wird Klingsor und sein Zaubergarten ja als Gegenentwurf zur Gralsrittergesellschaft betrachtet. Aber das trifft die Sache meiner Meinung nach nicht ganz. Klingsor war ja selbst Teil dieser Gesellschaft, ist aus dieser hervorgegangen, hat sich dann in einer Art religiösem Wahn und Eifer selbst entmannt, um damit seine Keuschheit und seine besondere Eignung für das Gralsamt zu beweisen. Die Gralsrittergesellschaft hat das aber nicht gelten lassen und hat ihn sogar ausgestoßen. Klingsor ist also eine tragische Figur, welche in ihrer Zerrissenheit zeigt, was aus dieser ach so heiligen Gralsgemeinschaft in pervertierter Zuspitzung hervorgehen kann.

Ist Klingsor der Böse?

Wenn man dieser Musik zuhört, zum Beispiel in dem Teil mit den Blumenmädchen, merkt man, dass sich da ein wunderbarer Zauber entfaltet. Also, dass das jetzt eine Welt des Bösen ist, kann ich nicht hören. Der zweite Akt beginnt ja schon mit einer ganz anderen Musik, die ist viel strukturierter, viel zielstrebiger, hat ein ganz anderes Tempo, einen ganz anderen Duktus. Man merkt, da geht ein neuer Raum auf. Nietzsche hat einmal sinngemäß gesagt, dass Wagner hier zum ”Psychologen” wird, der uns ”überreden” will. Seht und hört, wie schön und reich doch das Leben ist, wo Liebe, Verführung, Natur, Sexualität und Sinnlichkeit, sich vereinen!

Wie war es für Sie, zum ersten Mal auf der Bühne des Bayreuther Festspielhauses zu stehen?

Die Akustik hier ist schon außerordentlich gut und gibt uns Sängern ganz neue Möglichkeiten. Sowohl in der Deklamation, also der Textverständlichkeit, als auch beim Singen in Verbindung mit der Darstellung. Man ist hier nicht mehr gezwungen, ausschließlich nach vorne zu singen, kann sich somit vielmehr in seinem Schauspiel auf seine Partner und den Raum beziehen. Und es ist möglich, wirklich leise zu singen, wo Wagner „piano“ schreibt. Das alles macht die einzigartige Architektur des Festspielhaues möglich. Wagner wollte ja nicht nur, dass nur schöne Töne gesungen werden. Er wollte Gesang, Deklamation und Schauspiel alles zusammen vereint zu einem Ausdruck.

Was meinen Sie. Muss man als Besucher vorbereitet zur Vorstellung kommen, oder kann man einfach hingehen und sich überraschen lassen?

Ich denke, man kann sich auch einfach der Musik und den Bildern auf der Bühne hingeben. Musik hat auch etwas, was uns in eine Sphäre transportiert, die sich abseits des Logischen oder Intellektuellen befindet. Andererseits hat Parsifal religionsphilosophische und geschichtliche Hintergründe, mit denen sich zu beschäftigen sehr fruchtbar sein kann. Dieses tiefere Eintauchen in die Materie bringt sicherlich den einen oder anderen Aha-Effekt. Das ist ja überhaupt das Interessante an Wagner, dass man immer und immer wieder etwas Neues entdecken kann.

Was entdeckt man bei Parsifal?

Man bemerkt zum Beispiel das zentrale Anliegen Wagners, die Utopie einer neuen Religion zu vermitteln. Das ist verbunden mit Kritik an bestehenden Religionen in ihrer dogmatischen Institutionalisierung, die sehr viel Leid und Elend in der Welt verursacht haben. Das behandelt auch diese Inszenierung.

Es ist Ihr erster Sommer in Bayreuth. Wie verbringen Sie diesen?

Bisher waren die Proben sehr intensiv und anstrengend. Nach der Premiere wird dann aber sicher Zeit und Gelegenheit zum Wandern und oder auch einfach zum Erholen an einem Badesee sein.

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